Gegenverkehr Roman
Kapitel 1
„Du bist ein Versager“, ruft die Stimme
14. August 1783. Aus dem Tagebuch des russischen Polarforschers Vladimir Kajdanovsky: „Es fegt ein so schwerer Sturm über das Hochplateau, dass selbst unsere Hunde sich tief in den Schnee eingegraben haben. Von weiter marschieren kann auch heute nicht die Rede sein. Wir liegen apathisch in unseren Schlafsäcken und hören dem Heulen des Sturmes zu. Ein weiterer Tag ist verloren. Wir beten, dass unsere Zelte dieser Naturgewalt stand halten. Zu viele Männer habe ich schon verloren. Jeder weitere Verlust kann unser aller Ende bedeuten.
Aleksandr Strugatsky verlässt wider besseres Wissen unser Zelt, um sich zu erleichtern. Plötzlich bellen unsere Hunde. Wir haben Strugatsky nicht wieder gesehen..."
Kalahari Wüste. 45° Grad Lufttemperatur. Juan Pablo Augusto ist bereits den vierten Tag unterwegs. Tag ist gut gesagt, denn Juan Pablo Augusto versucht, die Dunkelheit zu nutzen. Nur die Nächte machen diese glühende Hölle erträglich. Im Licht des Mondes stolpert Juan Pablo Augusto, mehr als er geht, durch die endlose und karge Wüste. Juan Pablo Augustos Augen sind blutunterlaufen und vom Sand verklebt. Sein Gesicht ist verbrannt und vernarbt, die Kleider hängen in Fetzen an ihm. Das einzige intakte ist der Lederrucksack, der, nur noch an einen Riemen befestigt, auf seinem Rücken hängt.
Verdunkelter Raum. Auf eine Leinwand werden schwarz-weisse Bilder geworfen. Sie zeigen einen Airbus 300 der South African Airways, Flugnummer SA 8155, der in zwei Teile zerbrochen im Wüstensand liegt.
Kalahari Wüste. Juan Pablo Augusto erklimmt mit letzter Kraft eine Düne. Er fällt hin, versucht wieder aufzustehen. Arme und Beine versagen. Wie eine Echse kriecht er auf dem Sand weiter.
Verdunkelter Raum. Serienaufnahmen des Airbus 300, der in einer riesigen Staubwolke über den Sandboden schlittert.
Kalahari Wüste. Juan Pablo Augusto blickt über den Rand der Düne. Vor ihm nichts als Wüste, Sand, Wüste, Sand. Aber. Aber in unmittelbarer Nähe zeichnen sich Palmen gegen den heller werdenden Horizont ab. Juan Pablo Augusto mobilisiert letzte Kräfte. Er richtet sich auf und schleppt sich weiter. Eine himmlische Frauenstimme ertönt: „Du bist ein Versager, Juan Pablo Augusto! Du wirst es nie schaffen. Du wirst sterben wie alle Anderen, so lange Du dich widersetzt.“
Verdunkelter Raum. Bilder des auseinander gebrochenen Airbus 300. Undeutlich sind um den Jet einige Gestalten auszumachen.
Kalahari Wüste. Juan Pablo Augusto ist nur einige Meter von den Palmen entfernt. Er bleibt stehen und atmet tief durch. Dann schleppt er sich zur ersten Palme und rutscht mit dem Rücken zum Stamm an dieser zu Boden. Juan Pablo Augusto wird bewusstlos. Blut läuft ihm aus dem Mund. Ein Schuss peitscht durch die Wüste.
Verdunkelter Raum. Grossaufnahme einer Pistole. Stakkatomässig sind die Bilder von Juan Pablo Augustos Frau Begazda und seiner kleinen Tochter Katharsis zu sehen, die aneinander gekauert und völlig leblos im Wüstensand liegen. Wieder peitscht ein Schuss durch die Wüste und zum zweiten Mal durchschlägt eine Kugel den Schädel von Begazda. Ein weiterer Schuss folgt und die Kugel zerfetzt den Kopf von Katharsis.
Kalahari Wüste. Juan Pablo Augusto wacht auf, kommt zu sich. Glutrot erscheint die Sonne am Horizont. Mit letzter Kraft gibt er einen wilden, schmerzerfüllten, unmenschlichen Schrei von sich und bricht wieder zusammen.
Der fünfte Tag in der Kalahari bricht an, mit dem Licht der Sonne setzt ein Sandsturm ein, der die kleine Oase einhüllt und die Palmen bedrohlich biegt.
Erneut ertönt die Frauenstimme: „Warum widersetzt du dich deiner Bestimmung, dem göttlichen Auftrag?“ Juan Pablo Augusto schlägt die Augen auf, blickt stur und apathisch vor sich hin. Der Sandsturm legt sich. Langsam geht Juan Pablo Augusto in die Hocke und richtet sich auf. Er klopft sind den Sand vom Kopf, Schultern und Armen. Mit schweren Beinen geht er ein paar Schritte weiter. Vor einem Wasserloch lässt er sich auf die Knie fallen und legt sich mit Kopf und Oberkörper ins Wasser. Reglos verharrt er so, bis ihm die Luft wegbleibt. Juan Pablo Augusto prustet schwer. Gierig schaufelt er sich mit den Händen Wasser ins Gesicht.
Juan Pablo Augusto taumelt zurück zu der Palme, wo sein Rucksack liegt. Umständlich öffnet er ihn und zieht ein Decke hervor. Am Stamm der Palme befestigt er ein Ecke der Decke, ein gegenüberliegendes Ende gräbt er im Sand ein. Juan Pablo Augusto legt sich erschöpft in den Schatten, den die Decke wirft und schläft sofort ein.
Berlin-Schwanenwerder. Licht flutet durch das Obergeschoss einer geräumigen Villa, klassische Klaviermusik. Juan Pablo Augusto und Begazda „Die Tochter des blauen Blutes" liegen nackt auf einer Landschaft unzähliger Kissen und lieben sich laut, wild und leidenschaftlich. Begazdas lange Haar bedeckt die Körper der beiden Liebenden. Wieder ertönt unüberhörbar die Frauenstimme: "Endlich! Nennt Eure Tochter, die ihr gerade zeugt, Katharsis, wie im sechsten Buch der Heiligen Schrift." Begazda und Juan Pablo Augusto reagieren nicht auf die Stimme...
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